Der Weg der Krabbe

Gemächlich tuckert „Jan“ in den Hafen von Ditzum. Der grüne Kutter war drei Tage auf der Nordsee und kommt mit einer Lieferung Granat zurück in das malerische Fischerdorf direkt am Dollart. Granat oder auch einfach „Krabben“ ist eine norddeutsche Delikatesse. Auf dem Brötchen, auf der Scheibe Schwarzbrot oder einfach nur so: Krabben gehören zu Norddeutschland genauso wie der Wind und die Deiche. LUV&LEE hat in Ditzum den Weg einer echten norddeutschen Spezialität im vergangenen Sommer nachgezeichnet. Auch in Zeiten der Corona-Krise müssen Fischfans auf die Delikatessen nicht verzichten – es gibt aber auch im Fischgeschäft Beschränkungen.

Fischer Harald Bruhns hat den Laderaum seines Kutters voll; ein Lkw eines Großhandels wartet schon an der Pier und auch lokale Gastronomen, wie Dieter Jessen, der Krabben, Matjes und anderen Fisch direkt am Hafen aus seinem Imbisswagen verkauft, erwarten ihre Lieferung.

Der Laderaum der "Jan Bruhns" ist voll. CA-Foto
Der Laderaum der „Jan Bruhns“ ist voll. CA-Foto

„Wir sind Sonntagnacht losgefahren und fischen vor der ostfriesischen, teilweise bis zur niederländischen Küste. Der nördlichste Punkt ist Esberg in Dänemark“, erklärt Bruhns, der in einer Fischerfamilie groß geworden ist und in der dritten Generation mit seinem Kutter auf die Nordsee hinaus fährt. Er müsse immer genau orten, wo sich die Krabben gerade aufhielten. „Da ganz oben ist vor allem viel Winterfischerei“, erzählt der Ostfriese. Allein die Anfahrt bis nach Esberg dauere schon 14 Stunden. „Dann starten wir aber auch von Hooksiel oder Norddeich aus.“ Die Devise sei aber eigentlich, so schnell wie möglich den Fang nach Ditzum zu bringen und Kosten zu sparen. Einen großen Verdienst bringe die Krabbenfischerei dann, wenn die Bestände knapp seien. „Die Masse macht es nicht einfacher“, sagt der Ditzumer.

Krabbenenschwärme werden „per Telefon“ aufgespürt

Die Krabbenschwärme lokalisiert Bruhns aus seiner jahrelangen Erfahrung, aber auch „per Telefon“, sagt der 50-Jährige und schmunzelt. Gemeint ist der Austausch der Fischer untereinander. „Wir sind zwar auch irgendwie Konkurrenten, aber nicht nur.“

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Ditzum war früher das Zentrum des Krabbenfangs. Direkt am Hafen wurden die Krabben gesiebt und gekocht. All das geschieht heute vollautomatisch an Bord der Kutter. Sind sie nach Größe sortiert, geht es dann für die Tiere aus Norddeutschland zum Pulen nach Marokko – aus Kostengründen. „Natürlich wird der Granat hier vor Ort in den Imbissen und Fischhandlungen ungepult angeboten“, sagt Bruhns, der schon mit 16 Jahren seine Fischereiausbildung absolviert hat.

Restaurant am einstigen HotSpot der Ditzumer Krabbenfischerei

Stefan Burlager betreibt "Das Fischhaus" in Ditzum. CA-Foto
Stefan Burlager betreibt „Das Fischhaus“ in Ditzum. CA-Foto

Am einstigen HotSpot der Ditzumer Krabbenfischerei, wo früher der Fang gesiebt, gewaschen und gekocht wurde, betreibt heute Stefan Burlager „Das Fischhaus“. Der 34-Jährige hat den Gastronomiebetrieb vor eineinhalb Jahren von einer Ditzumer Fischerfamilie übernommen und gehört zu den regelmäßigen Abnehmern des Granats von den Ditzumer Fischern – auch jetzt in der Corona-Krise. „Wir haben normalerweise zwischen 150 und 300 Kilogramm im Verkauf. Jetzt in der Corona-Krise sind die Fanggründe für die Fischer um etwa 50 Prozent beschränkt, dadurch entsteht ein sehr hoher Preis, obwohl der für die Erzeuger in den Keller gegangen ist“ , erklärt Burlager, der Betriebswirtschaft und Marketing studiert hat, aber mittlerweile alles über die Fischerei und die Fischzubereitung weiß.

Vorbestellungen und Lieferservice in Zeiten von Corona

In diesen Wochen ist er in Ditzum der einzige Gastronom, der in der Corona-Panedemie noch geöffnet hat. Er bietet einen Lieferservice im Umkreis von 15 Kilometern um Ditzum an, Gäste können frischen Fisch aber auch bei ihm direkt im Laden nach Vorbestellung abholen.  In der Woche werden im Normalfall im Schnitt 1,5 Tonnen frischer Fisch im Fischhaus verarbeitet, zum Verkauf angeboten oder direkt in der Küche zubereitet. Die Corona-Krise hat den Betrieb von Burlager aber auch voll im Griff. „Wir hatten nach dem Start in die Saison am 10. März eigentlich nur eine Woche im Normalbetrieb geöffnet und dann war wegen Corona wieder Schluss“, sagt der Unternehmer. Er hat sein Team in Schichten eingeteilt, musste Kurzarbeit anmelden.  „Der Tourismus, speziell jetzt zu Ostern, ist wichtig. Trotzdem sind wir positiv und machen das Beste daraus.“ Das Außer-Haus-Geschäft habe er ohnehin einführen wollen, so Burlager. Das hat er nun einfach früher eingeführt.

Am Karfreitag und am Ostersonntag hat er sein Fischhaus geöffnet. „Viele Menschen wollen gerade am Karfreitag frischen Fisch essen. Entsprechend viele Vorbestellungen liegen vor. Vielleicht holt sich der eine oder andere auch noch ein Frischbrötchen“, hofft Burlager. Ob das so kommt, ist derzeit nicht klar, denn die Gemeinden in der Region denken darüber nach, über die Feiertage touristische Anziehungspunkte, wie auch den idyllischen Ditzumer Hafen zu schließen, um Menschenansammlungen zu verhindern und so das Corona-Infektionsrisiko zu minimieren. „Nach jetzigem Stand gehe ich davon aus, dass man das Fischhaus zumindest mit dem Auto direkt anfahren kann“, sagt Burlager.

 

LUV&LEE erklärt: Die Krabbe und der Krabbenfang

Krabben, auch Kurzschwanzkrebse genannt, werden bis zu vier Jahre alt und erreichen maximal zehn Zentimeter. Bereits nach neun Monaten sind sie 45 Millimeter groß und können sich fortpflanzen. In dieser Zeit werden sie meist gefischt. Der Krabbenfang entlang der Nordsee hat eine lange Tradition. Etwa seit dem Jahr 1900 werden Krabben mit dem Kutter gefischt. Zuvor wateten die Menschen mit Netzen durch das flache Wasser des Wattenmeeres. Die gewerbliche Krabbenfischerei wird nach Angaben des Nationalparks Wattenmeer von rund 100 hiesigen, relativ kleinen Kuttern durchgeführt. Auf jeder Seite des Schiffes ziehen auf Kufen laufende Baumkurren ein weit geöffnetes Netz über den Meeresboden.